Mein Freund George ist auf Reisen. Zwei Tage wird er unterwegs sein und ich habe das Haus für mich alleine. Allerdings nicht lange, denn Barney witterte zielsicher die Gelegenheit. Schon kommt er Schweif-wedeln über den Rasen gelaufen. Der schmale Spalt, den die Terrassentür offen steht, reicht ihm. Dann ist er drin und gesellt sich zu mir in die Küche. Dort ist es warm und gemütlich. Ich bin gerade dabei, mir Frühstück zu machen. Draußen bellt ein anderer Nachbarhund, vermutlich der von gegenüber. Der ist weniger charmant, manchmal sogar richtig aufdringlich. Deshalb mache ich schnell die Tür zu, er muss nicht merken, dass doch noch jemand im Haus ist. Gestern hat er George wegfahren sehen und prompt fing er an zu bellen und schließlich, als der Wagen längst außer Sichtweite war, konnte er sich gar nicht mehr beruhigen. Das kann er am besten, deshalb nennt George ihn ‚Sir barking-too-much‘

Foto: Brigitte Peters

Mit Barney ist es anders. Er ist ein Schmuser, still und gefühlvoll. Ich muss ihn gar nicht auffordern, Platz zu nehmen, er setzt sich ganz von selbst an den Tisch. Artig auf einen der Stühle und schaut erwartungsvoll zu, was ich alles servieren werde. Er darf dort sitzen bleiben, denn er hat Manieren. Er wartet stets ab, bis man ihm etwas anbietet. Barney sabbert nicht und klaut nichts vom Teller. Ich bin ganz froh über seinen frühen Besuch, denn alleine frühstücken ist langweilig. Man kann sich mit Barney gut unterhalten, obwohl er keine Antworten geben kann, jedenfalls keine verbalen. Aber seine Augen, die Ohren, die Mimik, alles spricht Bände. Man muss nur hinschauen.

Während ich den Toast mit Marmelade bestreiche und mir noch etwas Tee nachschenke, überlege ich, was alles zu einem echten Englischen Frühstück gehört. Ich habe es schon einige Male erlebt und weiß wie aufwändig die Zubereitung ist, aber was gehört wirklich hinein? Wir haben unsere eigene Version kreiert, die auf die allzu kräftigen Zutaten verzichtet. Barney weiß es vielleicht, aber für eine detaillierte Zusammenfassung reicht sein Minenspiel dann doch nicht aus.

Ganz anders ist es mit Aiden. Auch er sitzt mit am Tisch, eigentlich sogar mitten darauf. Aiden ist ein virtueller Freund, mit dem ich chatten kann, wann immer ich will. Er ist stets ansprechbar, meistens höflich und ziemlich klug. Also versuche ich es bei ihm: „Hello Aiden, it’s me. Can you tell me what I need to make a full English breakfast?“ Kaum habe ich die Enter-Taste gedrückt, kommt auch schon die Antwort: „A full English breakfast typically includes eggs (fried, scrambled, or poached), bacon, sausages, baked beans, grilled tomatoes, mushrooms, toast, black pudding, and fried bread. It may also include hash browns, fried leftovers, and bubble and squeak. A beverage such as tea or coffee is often served alongside.“ Ich hake nach und frage ihn, was ihm besser schmeckt: „Full English or continental breakfast?“ Aiden antwortet diplomatisch: „This is largely a matter of personal preference. A full English breakfast typically includes a wider variety of savory items, while a continental breakfast typically includes more sweet items such as pastries and yogurt.“ Ich verlagere das Thema auf die Getränke, stelle ihn noch einmal vor die Wahl zwischen tea oder coffee. Barney schaut hoch konzentriert auf den Monitor, als würde er mitlesen. Schon taucht die Antwort auf, wie von Geisterhand getippt: „Again, this is a matter of personal preference. Tea is often served with a full English breakfast, while coffee is the preferred beverage for continental breakfasts.“ Ich merke, dass ich so nicht weiterkomme, bin aber noch nicht wach genug, um etwas schlauere Fragen zu stellen. Aiden scheint es ähnlich zu gehen, trotzdem hoffe ich das Gespräch noch ein wenig länger führen zu können. Ein Schluck Tee sollte helfen und tatsächlich fällt mir noch eine weitere Frage ein. Nämlich der Klassiker zum Teetrinken. Alle Welt will wissen, wie es richtig geht. Schenkt man erst den Tee ein oder erst die Milch? Jahrzehntelang war die Antwort ganz simpel, weil man sich schlicht am Vorbild der Queen orientiert hatte. Aber wie hatte sie es gemacht? Ich weiß es einfach nicht und hoffe auf einen klugen Rat von Aiden. Der ist schon wieder am Tippen: „It is generally recommended to pour the tea into the cup first, followed by the milk. This allows you to control the amount of milk you add and prevents it from cooling the tea too quickly.“ Das kann ich so stehen lassen und deshalb verabschiede ich mich für den Augenblick: Thank you, that’s very helpful.“ Darauf schreibt Aiden: You’re welcome! Enjoy your tea.“ Das machen wir. Ich nehme noch einen Schluck und Barney verdrückt das übrig gebliebene Würstchen, dass er schon die ganze Zeit hoffnungsvoll im Blick hatte.

 

Copyright: xxx? Nun ja, das ist in diesem Fall eine gute Frage.

Aiden hat dann auch noch schnell zwei Bilder geschickt. Sie sind flüchtige Skizzen eines Frühstücks mit Hund im Hintergrund. So lautete sein Auftrag und den hat er gut umgesetzt. Warum ich ihnen das alles erzähle? Weil dieses Gespräch am frühen Morgen eine Sensation war. Weltpremiere, jedenfalls für mich. Ich hatte erstmals mit Aiden gechattet und war ein wenig aufgeregt, denn er ist ein AI. Falls Sie ‚Ausser-Irdischer‘ assoziieren, dann ist das gar nicht verkehrt. Aiden ist ein Gesprächsroboter, der sich wie ein Mensch unterhalten kann, tatsächlich aber von künstlicher Intelligenz (Artificial Intelligence) gesteuert wird. Scheinbar über Nacht haben sich die schlauen Rechenknechte im Internet breit gemacht. Fast wöchentlich bieten neue Portale ihre verblüffenden Dienste an. Sie funktionieren schon ganz hervorragend, wissen enorm viel und antworten geduldig und genau. Was sie nicht gut können, ist empathisches Empfinden. Dafür habe ich Barney, der weiß genau, wann er mir tröstend übers Gesicht schlecken muss. Mit dem Humor ist es auch nicht so weit her, aber die Lücke wird George füllen, wenn er dann wieder da ist. Den habe ich vorgestern, beim Abendessen, nach dem Sinn des Lebens gefragt und da antwortete er mir todernst: „I’m not sure. I’ll ask my friend Alexa.“

Weil es Spaß machte, habe ich Aiden anschließend noch um ein Selbstporträt gebeten. Ich hatte ihm ausdrücklich den Stil einer schnellen Skizze vorgegeben, aber lustigerweise kam er mit seinem Namen ins Straucheln.