Können Sie mit dem Namen Kemi Badenoch (46 Jahre alt) etwas anfangen? Falls nicht, machte es nix. Den meisten Briten geht es genauso. Sie ist seit November 2024 Parteivorsitzende der Tories und löste damals Rishi Sunak (45 Jahre alt) ab, der bereits im Juli die Wahlen verloren hatte und die Downing Street verlassen musste. Sein Nachfolger wurde Sir Keir Starmer (63 Jahre alt), auch ein Name, der sich bei vielen nicht einprägen will, und mit ihm wechselte die Labour Partei im Unterhaus auf die Regierungsbank.

Vorgestern habe ich nach langer Pause mal wieder die ‘Prime Minister’s Question’ im TV verfolgt und staunte nicht schlecht. Spielregeln wie gehabt: Jeden Mittwochmittag wird der Premier eine Stunde lang gegrillt. Man stellt ihm Fragen zu möglichst unangenehmen, aber aktuellen Themen, und er windet sich, so gut er kann. Boris Johnson war Meister dieser Übung. Keir Starmer fällt es sichtbar schwer. Er schwitzt und zeitweise zittern sogar die Hände. Nicht gut, gar nicht gut, denn alles wird live in Nahaufnahme gezeigt.
Gestaunt habe ich über die versammelten Politiker. Kaum ein Gesicht war mir bekannt. Einzig den ewig grinsenden Nigel Farage konnte ich identifizieren. Alle anderen waren mir unbekannt. Wo sind sie hin? Die Brexit-Befürworter, die tapferen Minderheiten aus Schottland, Wales und Nordirland? Die Promis der beiden mächtigen Volksparteien Tories und Labour? Alle verschwunden. Ein nicht kleiner Teil ging nicht freiwillig. Da gab es viele Skandale, die den Rücktritt nahelegten. Die Brexit-Boys (es gab auch ein oder zwei Frauen unter ihnen) haben ihr Ziel erreicht. Ihre Show ist vorbei, vielleicht warten sie auf einen neuen Auftritt?
Und dann war da noch einer anwesend, der nicht nur deshalb herausstach, weil er in der ersten Reihe saß oder eigentlich davorlag. Es war ein Golden Retriever, sehr entspannt und offensichtlich ganz und gar unparteiisch. Nicht einmal bewegte sich der Schweif, kein Wackeln mit den Ohren, mit nichts verriet sie ihre politische Überzeugung. Ja, es ist eine Hündin, mit dem Namen Jennie. Sie ist sechs Jahre alt und gehört einem Abgeordneten der Liberalen Demokratischen Partei (Steve Darling). Er ist fast blind und braucht Jennie, um sich im Haus zurechtzufinden. Ich frage mich, wie sie die unzähligen Räume, elend langen Flure und großen Treppen erlernt hat. Jennie hat im letzten Jahr den Titel ‘Westminster Dog of the Year’ gewonnen und war damit in ihrer Medienpräsenz erfolgreicher als die meisten Parlamentarier. Natürlich darf sie den Tea Room betreten und wird von ihrem Besitzer als “happy-go-lucky” Persönlichkeit beschrieben. Jenny ist nicht der einzige Hund im Westminster Palace. Der ‘Speaker of the House’, Sir Lindsay Hoyle, der dort auch wohnt, hat etliche Tiere mitgebracht, darunter die Hunde Gordon und Betty.
Alle sind sich einig: Der Golden Retriever ist der heimliche Star. Die Kameras zeigen die Hundedame genauso oft wie den Abgeordneten, der gerade am Pult steht. Hätte Keir Starmer auch nur einen Hauch von Jennies Charme, könnte es für ihn vielleicht noch bis zur nächsten Wahl reichen. Aber so wie er auftritt, stets unnahbar, unsicher wirkend, kalt wie ein toter Fisch, wird das wohl nix. Warum die Buchmacher Wetten auf seinen Rücktritt annehmen, erzähle ich nächstes Mal.

