Timeline

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Eintausend Jahre Markthandel in Covent Garden

Seit 969 AD gehört 'Covent Garden' der Westminster Abbey. Genauer gesagt, dem Benediktiner Orden von St Peter at Westminster. Die nördliche Grenze des Gebiets verlief wo heute die Strasse Long Acre verläuft, im Westen die St Martins Lane, im Osten Drury Lane und im Süden von einer Linie parallel zur Strasse The Strand. Man nutze die Fläche für Obst- und Gemüseanbau. Das meiste landete in der Küche der Westminster Abbey bzw. des Ordens, was aber übrig blieb, wurde schon bald an die Londoner verkauft. Dazu hatte man einige Tische an der Südseite aufgestellt. Es waren die ersten Marktstände und dort stehen noch heute täglich die Händler und bieten ihre Ware an.

1536 fiel ein Teil von Covent Garden an Heinrich VIII, der dem Orden im Gegenzug Ländereien in Berkshire schenkte. Die City of London war längst mit Westminster zusammengewachsen und Covent Garden lag damit im Herzen von London. Eine begehrte Lage, die nicht länger dem Gemüseanbau dienen sollte. Als der König vier Jahre später, 1540, dem katholischen Glauben abschwor, wurde die Klöster aufgelöst und der Rest von Covent Garden fiel damit auch in seine Hände.

Edward Seymour, der Duke of Somerset, erhielt für seine Dienste, einen Teil des Landgutes Covent Garden im Jahre 1547 vom König geschenkt. Der andere Teil ging an John Russell, Earl of Bedford. Er hatte seinem König loyal als Soldat und Diplomat gedient. Gleichzeitig wurde John Russell u.a. der Titel 'Tavistock' verliehen.

1619 wird Francis Russell die Kontrolle über Covent Garden innerhalb der Familie übertragen. Noch lebt sein Cousin, der 3rd Duke of Bedford, aber als der 1627 stirbt, fällt auch der Titel an Francis. Der erkennt schnell das Potential des Grundstücks und fängt an Baupläne zu entwerfen. Zunächst muß er vom König Charles I. die Erlaubnis dazu erhalten und das lässt sich mit der enormen Summe von £2,000 regeln. Dann beauftragt er den englischen Architekten Inigo Jones mit der Planung von mehrgeschossigen Stadthäusern. Sie sollen am südlichen Rand von Covent Garden errichtet werden, also am 'Gartenzaun' zu seinem eigenen Herrenhaus, dem Bedford House*). Leider ist nichts davon erhalten geblieben.

*) Das Bedford House wurde 1586 auf der Nordseite vom Strand gebaut, dort wo heute die Southampton Street einmündet. Der Garten grenzte unmittelbar an Covent Garden.

1642-51


Unruhige Zeiten für England. Das Parlament hatte sich mit dem Königshaus in die Haare bekommen. Oder eigentlich anders herum. Denn es war Charles I. der seine Soldaten nach Westminster schickte um den Premierminister während einer Sitzung im House of Commons festzunehmen. Der hatte einen Tipp bekommen und war nicht anwesend. Trotzdem eine Unverschämtheit, die bis heute Wirkung zeigt. Der Queen ist das Betreteten des Houses of Commons verboten. Ich weiß nicht genau, was passieren würde, aber sie wird es gewiß niemals versuchen. Die Lords, die gleich nebenan tagen, heissen die Monarchin natürlich stets willkommen. Und ehrlich gesagt ist es da sogar noch gemütlicher, neben roten Leder auch Samt und feinste rote Wollsäcke.


In England passierte etwas unfassbares. Etwas das noch nie passiert war und sich auch bis heute nicht wiederholt hat: Die Monarchie wurde kurzerhand abgeschafft! King Charles I. verlor seinen Kopf und sein Sohn floh ins Exil. Der nicht blaublütige Oliver Cromwell übernahm als Lord Protector die Lenkung des Landes für fünf Jahre. Dann übernahmen wieder die 'Calvaliers' (Royalisten) und die 'Roundheads' (Parlamentarier) zogen den Schwanz ein und duckten sich in ihre Ecke. 


Diese unruhigen Zeiten, genau genommen ein Bürgerkrieg, fand auch in unmittelbarer Nähe von Covent Garden statt. Es waren nur wenige hundert Meter bis zum Parlament (Palace of Westminster) und auf der anderen Seite, in der City, wohnten die Bürger, die jetzt Morgenluft witterten. Kurzum, die Mieter der teuren Häuser in Covent Garden, bekamen es mit der Angst. Sie fürchteten Revolten und Überfälle und zogen nach und nach weiter westwärts. So besiedelte sich Kensington, Chelsea und Belgravia und Mayfair. Die Stadtvillen in Covent Garden standen leer, aber nicht lange. Der Markthandel lief mehr oder weniger ungestört weiter und zog nun andere Mieter an. Es entstanden Spielhallen, Bordelle und jede Menge Lokalitäten wo man sich vergnüngen konnte und ausgiebig zu trinken bekam. Covent Garden hatte den Civil War überstanden, aber die Besucher und die Menschen, die hier lebten, waren jetzt nicht mehr die 'gentlemen and men of ability' für die Francis Russell sich als Mieter gewünscht hatte.

Inzwischen haben wir 1670 und Charles II. ist zurück aus dem Exil und wieder auf dem Thron gelandet.  Covent Garden gehört inzwischen dem 5th Earl of Bedford, William Russell. Er schafft den gesellschaftlichen Aufstieg und darf sich '1st Duke of Bedford' nennen. Man sieht, auch in der Aristokratie, und ganz besonders dort, gibt es Klassenunterschiede. William, und allen seinen Erben, wurde vom König das Markthandelsrecht zugestanden. Er durfte in Covent täglich Markt halten lassen, ausser Sonntags und am Weihnachtstag. Der Handel war auf Früchte, Gemüse, Blumen und Kräuter beschränkt. Trotzdem sicherlich eine einträgliche Sache für ihn.

''Covent Garden bekame noisy and messy.' So notiert es jemand in sein Tagebuch und meint damit die Zeit ab 1800. Längst haben sich Händler mit anderen Waren zugesellt. Sie bieten Käse, Eier, Milch und auch Käfigvögel an. Andere haben Hühner dabei oder Enten. Tot und lebendig. Dazu das huzzle and buzzle der Menschen, der Karren und der Entertainer, die sich mit einer Darbietung Geld verdienen wollen. Das ist bis heute so geblieben. Covent Garden ist eine einzige große Bühne. Dort sind Akrobaten, Jongleure, Pantomimen, Musiker und Sänger zu sehen und hören. Es wird Zeit den Markt gegen Kälte und Nässe zu schützen und so beschliesst man eine große Halle zu bauen. Der Architekt Charles Fowler wird 1833 damit beauftragt und er macht seine Sache gut. Heute sind es zwar nicht mehr seine Stahkonstruktionen, die einen großen Teil der Fläche von Covent Garden überdachen, aber seine Idee ist erhalten geblieben.

Erst 1918, also nach dem ersten Weltkrieg, entschliesst sich die Russell-/Bedford Familie Covent Garden zu verkaufen. Fast vierhundert Jahre war das Land in ihrem Besitz, das ist wahrlich eine lange Zeit. Der neue Eigentümer wird die 'Covent Garden Estate Company Ltd'. Auch hinter dieser Gesellschaft steht eine Familie, nicht minder traditionsreich. Es ist der Beecham Clan. Sie sind Geschäftsleute, mit Schwerpunkt Pharmazie. Es gibt einen berühmten Chemiker, aber auch Musiker und Dirigenten gehören zu dieser Familie. Sie kommen gesellschaftlich von ganz unten, Thomas Beecham wurde 1820 geboren und verbrachte seine Tage als Schafshirte. Dabei lernte er von Mutter Natur, wußte schließlich alles über die Welt der Kräuter und fing an daraus ein Geschäft aufzubauen. Sein Sohn wurde dann schon zum Baronet ernannt, was aber gegen einen Earl oder gar Duke so gut wie nichts ist. Trotzdem war der erste Schritt getan und in England zählt das noch heute. Man ist noch heute klassenbewußt geprägt. - Ich sollte mir einen Phantasietitel zulegen; das Land lädt zum Betrug ein.

Ab 1920 bis 1974 war Covent Garden ein Großmarkt für Gemüse, Obst und Blumen. Die Tagen begannen früh, nämlich kurz nach Mitternacht. Dann kamen die 'Porters' in Lastwagen angefahren und fingen an die frische Ware in die Hallen zu bringen. Auf Karren wurden die Kästen über das Kopfsteinpflaster gerollt. Jeder 'nightman' hatte dann um die vierhundert Gemüsekästen mit Preisschildern auszuzeichnen. Um 4:30 Uhr hatte alles fertig zu sein, denn schon eine halbe Stunde später trafen die ersten Kunden ein. Ebenfalls Gemüsehändler, die die Ware auf ihren kleinen Lieferwagen mitnahmen, um sie in ihre Geschäfte zu transportieren. Vormittags um elf war hoffentlich alles verkauft, der Markt schloß. Aber jetzt mußte abgebaut werden, die Stände geleert und schließlich verschlossen werden. Man kann sich vorstellen, was für ein Gewühl und wieviele Menschen täglich in Covent Garden zusammentrafen. Und genau das war das Problem, denn der Platz lag noch immer im Herzen von London. Und da gab es Berufsverkehr, der jeden Morgen zusammenbrach, weil rund um Covent Garden hunderte von Händlern ihre Autos und Lieferwagen parkten.


Die Entscheidung war hart aber unvermeidlich. Der Markt mußte umziehen. Seit 1974 findet das bunte Treiben südlich der Themse, in Nine Elms, statt. New Covent Garden ist noch immer einen Besuch wert, man muß aber früh aufstehen, denn auch heute ist am Vormittag bereits Schluß. Leider darf man in den Hallen keine Fotos machen, das fand ich sehr schade.


Plötzlich war es also in Covent Garden ganz still geworden. Die Markthallen blieben leer. Morgens und abends hasteten ein paar Menschen durch die etwas unheimlichen Stahlhallen, sie nutzen die Abkürzung, um auf direkten Weg zu U-Bahn zu kommen. Ansonsten passierte nix. Aber es dauerte nicht lange und erste Begehren auf das 'Sahne-Grundstück' wurden laut. Investoren gab es genug, auch Ideen. Der eine plante Bürohäuser, ein anderer Hotels und ein dritter eine Mischung aus beiden plus Wohnungen. Zum Glück gab es aber noch immer echte Covent Gardener. Es waren nicht viele, aber es gab sie noch. Menschen, die hier in den kleinen Strassen seit Jahrzehnten lebten und die sich keine Hochhäuser in der Mitte ihres Squares wünschten. Und so kam es, dass die Vernunft siegte. Zum Glück. Covent Garden wurde erhalten. Der Markt ist noch immer der Motor des Ganzen. Dazu Kultur der Extraklasse, nämlich das Royal Opera House und diverse Theater rundherum. Viel Gastronomie, einige urige Pubs und natürlich unzählige kleine Shops, die Handwerkliches feil bieten. Ganz wie am Anfang. Eine wunderbare, bunte Welt, in der man heimisch werden kann, Freunde finden kann und doch täglich Neues entdeckt und erlebt.